Eingegangene Anliegen:
Eine Bitte erreichte uns; eine uns verbundene Matrone sucht einen gemütlichen, gepflegten, aber preiswerten Alterssitz. Subito! Ja, ja, wer nicht…..
Folgendes Gespräch entstand:
Was suchst du und warum findest du es nicht direkt, auf Portalen, über Makler oder so? Und wo willst du eigentlich hin?
Bezahlbarer Wohnraum ist ja derzeit Mangelware. Wohin ich örtlich will weiß ich nicht. Ich habe nirgendwohin persönliche Beziehung. Lebe schon zu lange, zu intensiv in Berlin-Kreuzberg. Aber ich will hier weg, ich halte es nicht mehr aus.
So viel ich weiß lebst du schon ewig als überzeugte Kreuzbergerin, warum jetzt der Sinneswandel?
Die Stadt, Kreuzberg, hat sich sehr verändert. Einerseits besteht Leben aus Veränderung, das ist auch gut so. Aber ich passe nicht mehr zu der jetzigen Mentalität hier. Inzwischen gilt Humor als Beleidigung. Kreuzberg war mal eine knallbunte Tüte. Heute ist Kreuzberg eine mediale Medaille, die eben nur noch zwei harten Seiten hat, arrogante Hipster und die inzwischen sehr üble Drogenszene mit all ihren konkreten Problemen, die in jeder Straße herrscht, in jedem Treppenhaus, jeder Wohnung gefährlich wird. Vor allem seit der absurden, menschenverachtenden Görli-Zaun-Politik.
Was hast du gegen Hipster?
Es gefällt mir nicht, wenn ich im Café nur noch auf englisch bestellen kann. Ihr habt ja selbst publiziert, dass eine andere Kreuzberger Matrone sehr fies aus einem Biergarten geschmissen worden, wo sie seit zig Jahren Stammkundin war. Die Hipster-Tochter der ehemaligen Wirtin hatte den Laden übernommen. Da wurde die bisherige Klientel übel entfernt. Bis dato war es der letzte hipsterfreie Ort gewesen. Oder als ich es öffentlich machte, dass eine alte Roma-Frau (auch eine stolze Matrone!) brutal von ihrem Platz vor einem Supermarkt vom Sicherheitsdienst handgreiflich vertrieben wurde. Seit Jahr und Tag stand sie dort, verkaufte ihre Zeitung, passte auf Hunde und Kinderwagen auf und sorgte für Sauberkeit. Es folgte ein Shitstorm. Nicht gegen Edeka, sondern gegen mich. Was ich denn gegen Edeka hätte, und die Frau könne doch gefälligst im Edeka Regale einräumen und so ihr Geld verdienen. Ich weiß von vielen Alten, die gar nicht mehr rausgehen, die nicht gut zu Fuß sind, sich unsicher auf den heutigen Straßen fühlen, völlig vereinsamt sind. Niemand kümmert sich. Und als ich mal sehr schwer gestürzt bin, haben immerhin ein paar Leute gefragt, ob sie für mich was einkaufen sollen. Aber laut war der Subtext, frag mich bloß nicht wirklich. Niemand fragte, soll ich dich mal in den Arm nehmen. Ich könnte noch viele Beispiele nennen. Es ist echt nicht mehr meine Welt!
Ja, hast du denn keinen Freund:innenkreis, wo man sich gegenseitig unterstützt?
Das ist auch so ein Drama, all meine Freundinnen, mit denen ich ein gemeinsames Altersprojekt basteln wollte, sind tot.
Drama!
Jau! Ich habe mir mühselig ein vages neues Netz aufgebaut, aber das ist eher zweite, dritte Reihe. Jede:r ist eben zu sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt. Ist ja auch keine leichte Zeit zurzeit. Also gibt es auch keine persönlichen Beziehungen mehr, die mich hier noch halten.
Was schwebt dir denn vor, wie willst du nun wohnen?
Was ich nicht will möchte ich vorausschicken: ich ziehe in keinen Hühnerstall, auch wenn die Hipster das lächerlich als “Tinyhouse“ aufhübschen. Dafür bin ich nicht alt geworden! Mein Leben war ein langer, mühseliger, aber auch überaus spannender, lustiger, lebendiger, bunter, kreativer, langer Weg. Das braucht Platz.
Also, ich brauche schönes, kultiviertes Wohnen, mit ausreichend Platz. So wie ich es jetzt auch habe. Schon meine Bibliothek braucht einen Raum, meine Kunst will auch Platz. Und meine Seele braucht einen möglichst weiten Blick raus. Es ist absurd, ich höre oft, jetzt im Alter brauchst du ja nicht mehr viel. Etwas Kleines reicht doch. Hallo? Das Gegenteil ist der Fall. Gerade jetzt brauche ich Komfort, kultiviertes Leben. Ich bin auf der Zielgeraden des Lebens angekommen. Jetzt möchte ich die letzten Jahre genussvoll das Alter leben mit allem was mir einfällt und möglich ist.
Ich wünsche mir mehr Ruhe, Grünes. Ganz wichtig ist mir ein direktes, ebenerdiges Heraustreten auf Hof, auf Terrasse, in den Garten. Atmosphärisch gerne kleinstädtisch. Nur bitte nicht in den Hirnen! In Berlin oder sonst wo. Aber leider nicht Dorf, im Alter ist es wichtig, dass alle Wege möglichst fußläufig erreichbar sind und genügend Versorgung gewährleistet ist: Gesundheitskram mit Ärzt:innen, Physio, etc., aber auch Discounter, Café, Läden. Und ganz wichtig ist es natürlich, dass ein paar gescheite, freundliche Menschen drum herum leben. Fürs freundlich grüßen, Schnack am Gartenzaun. Oder mal auf ein gemütliches Getränk am Nachmittag oder einen Rommee-Abend.
Praktisch wäre sicher eine kleine Einliegerwohnung dazu, ggf. zur Untermiete wenns mit den Kosten doch mal eng wird. Oder im fortgeschrittenen Alter, wenn ich vielleicht Unterstützung brauche. Ich träume gerne. Groß. Charakterfehler! (Sie grinst verschmitzt)
Hast du dir schon mal überlegt in eine Gemeinschaft einzuziehen?
Oioioi bloß nicht! (sie verzieht ihr Gesicht). Ja, natürlich habe ich mir das überlegt, habe viele Adressen besucht. Bei kleineren Projekten war jede Interessent:in im Vorhinein von den Besitzer:innen genau verplant, wie und wo (und wofür) die Interessentin reinpasst. Logo, dass es immer die miesesten Räumlichkeiten waren und klar war, dass man nur zur Finanzierung des eigenen Lebensstandards aufgenommen würde. Bei größeren Projekten musste erst ein Schaulaufen absolviert werden, jede:r wurde eingetaktet: Zug Ankunft 13.29 Uhr, Vorstellung von 14 bis 14.15 Uhr, Zugabfahrt 15.13 Uhr. Klar, dass bei der Vorstellung nur ich geprüft wurde, ob ich die richtige Einstellung habe, ob ich für sie genehm bin; ihre eigenen Regeln/Bedingungen werden gleich bei der Ankunft schriftlich in die Hand gedrückt, wenn sie nicht vorab schon per Mail zugesandt wurden. Das ist keine Begegnung auf Augenhöhe. Kein Kennenlernen. Das ist unwürdig. Auch bin ich einfach zu lange eine autonome Kreuzbergerin. Ich stehe auf echten Austausch und möchte im Privaten nicht nach Regeln leben, die Andere für sich ausgedacht haben. Da passe ich nicht rein.
Und ich brauche meins. Und da quatscht mir niemand rein. Darüber hinaus kooperiere ich natürlich gerne, liebe das Gespräch, bin im Rahmen meiner Möglichkeiten hilfsbereit, lasse andere gerne an meinem Wissen, Fähigkeiten und Schätzen teilhaben. Aber dann brauche ich auch wieder meine Ruhe. Ich war und bin einerseits politisch interessiert und aktiv, bin aber auch Künstlerin und sehr sensibel. Und mache, wenn notwendig eben auch die Tür zu und basta. Wie es ja ganz normal im Leben ist. In meiner Wohnung hat niemand reinzureden. Warum wird das alles im Alter plötzlich infrage gestellt? Warum wollen andere darüber bestimmen, wie ich mich nun zu begrenzen habe. Gar, wie ich zu leben habe?
Nunca, mai, jamais, neverever!
Das bringt mich auf die Frage, würdest du auch ins Ausland gehen?
Nee, bin Fremdsprachen-Legasthenikerin! Deepl sei Dank!
Ich sehe du bist durchaus anspruchsvoll, steht das deinem Gesuch im Wege?
Sicher! Natürlich bin ich anspruchsvoll (stolzer, selbstbewusster Gesichtsausdruck macht sich auf diesem alten Gesicht breit. Steht ihr). Nochmal, ich bin nicht so alt geworden um nun im Alter alle (Wohn/Lebens-)Kultur über Bord zu werfen. Aber was heute in diesen immobiliär überhitzten Zeiten schwer im Wege steht ist die finanzielle Seite. Die Rente steigt nicht im Verhältnis zu den Mietpreisen. Natürlich habe ich ein paar Rücklagen, aber wie lange lebt es sich damit? Das weiß niemand. Drum kann ich realistisch nicht mehr als 500, 600 € (warm natürlich) sicher ausgeben.
Da wird’s schwierig, wa?
Ja (sie unterdrückt ein Stöhnen). Drum hab ich es ja auch an die Abteilung Wunder gegeben, äh… ich meine, deshalb mache ich das Interview mit dir vom Matronen-Blog. Vorsichtshalber hoffe ich zwar auch auf irgendwelche imaginären Engel, spiele von Zeit zu Zeit Lotto um dem Schicksal eine Chance zu geben, stehe aber verschärft auf Schwarm-Intelligenz.
Also – lange Rede, konkreter Sinn: weiß jemand wo mein Alters-Bullerbü auf mich wartet? Hat jemand so ein Wunder und ist nicht auf hohe Miete angewiesen? Vielleicht wird es ja eine angenehme Win-Win-Geschichte.
Liebe Matronen-Freundin, wir drücken dir heftig alle Daumen und was es sonst noch so gibt, damit du dein Bullerbü findest! (aber hallo, jetzt zeigt diese faszinierende Matrone ein strahlendes Lächeln und die Augen funkeln, wie schön!)
Liebe Schwarm-Intelligenz, wir können diese kluge, sympathische Matrone nicht im Regen stehen lassen. Wer weiß konkret einen würdigen, also gemütlichen und gepflegten Altersitz für sie? Gerne auch weiter teilen! Wir leiten gerne konkrete Angebote weiter. Kontaktaufnahme über unsere Mail-Adresse: [email protected] -Stichwort: Bullerbü-